Beim Tandemtreffen in Lüneburg führten die gemeinsamen
Ausfahrten zu so gegensätzlichen Zielen wie dem Hundertwasser- Bahnhof in
Uelzen und der Oldendorfer Totenstatt.
Rudi aus Kassel will immer nur das eine - alles ganz genau wissen. Ständig auf
der Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten für sein Tandem, notiert er
unablässig und mit Akribie, was ihm an den Maschinen der "Konkurrenz" auffällt.
Dabei lässt sein Gefährt kaum noch Wünsche offen: Rahmen von Santana,
Rohloff-Getriebenabe und Magura-Hydraulikbremsen sind nicht gerade Komponenten
aus der Schrauberwerkstatt. Dennoch erlitt er mit seiner Stokerin Tabea bei der
ersten gemeinsamen Ausfahrt mit der "wilden Horde" am Vatertag genauso
Schiffbruch wie wir mit unserem "Flensburg" von Schauff, angetrieben von einer
SRAM-Fünfgangnabe.
Organisiert von Jörg Kummetz vom ADFC Osnabrück hatte vom 4. bis zum 8. Mai 05 ein buntes Völkchen aus Captains (das sind die, die vorne sitzen), Stokern (die sitzen hinten) und solchen, die das eine oder andere mal werden wollen (Kinder zwischen ca. 5 bis 12 Jahren) die Jugendherberge in Lüneburg zum Basislager ihres jährlichen Tandemtreffens auserkoren. Im Vorfeld waren sowohl Familientouren mit einer Länge von ca. 50 Km als auch sportliche Touren mit einer Länge zwischen 90 und 100 Km ausgearbeitet worden, die in den nächsten Tagen absolviert werden sollten. Da es in den Unterlagen hieß, dass es sich nicht um eine Sportveranstaltung handele, traten wir am Morgen des Vatertags (5. Mai) pünktlich um 9.00 Uhr zur sportlichen Radtour an, noch überzeugt, dass diese für uns kein Problem darstellen würde, 100 Km pro Tag und mehr legen wir schließlich öfters zurück. Völlig unterschätzt hatten wir hierbei allerdings den Ehrgeiz der durchweg jüngeren Leute (alle zwischen ca. 25 und Ende dreißig) und deren doch bessere Kondition. Nach ca. 15 Km als hinterherhechelndes Schlusslicht bei einem für uns mörderischen Tempo, dass trotz hügeliger Topografie selten unter 25 Km/h lag, gaben wir auf. Ausgestattet mit eigenem Kartenmaterial ließen wir die "wilde Horde" ziehen, nicht jedoch ohne vorher ein Treffen am Etappenziel in Lauenburg vereinbart zu haben. So radelten wir nun wieder in dem uns eigenem Tempo entlang des Elbe-Seiten-Kanals zum Schiffshebewerk in Scharnebeck, mit dessen Hilfe selbst die sprichwörtlichen Elbkähne in einer Art Badewanne nur durch die Schwerkraft einen Höhenunterschied von 38 Metern überwinden. 17 Km sind es von dort bis in die Lauenburger Altstadt, die, unmittelbar an der Elbe auf schleswig-holsteinischer Seite liegend, durchaus einen Besuch wert ist. In einem von außen unscheinbaren Café stärkten wir uns mit "Omas selbstgebackenem Kuchen" und einer Tasse Schokolade mit Sahne. Auf dem kleinen Platz am Elbufer spielte derweil eine Jazzband aus Anlaß des Vatertages auf und verkürzte uns so die Zeit, bis die "wilde Horde" eintraf. Einigen waren bei ihrer Ankunft die Strapazen der Tour bereits deutlich anzusehen, aber aufgeben mochte niemand und noch lagen etwa 35 Km vor ihnen. Wir unterdessen setzten unsere Fahrt entlang des rechten Elbhangufers in Richtung Geesthacht durch ein urwüchsiges Waldgelände fort, das immer wieder herrliche Blicke auf die hier schon dem Tidenhub unterliegende Elbe zwischen den Bäumen hindurch freigab. Am Kernkraftwerk Krümmel, kurz vor Geesthacht, hatte uns die Zivilisation wieder. Die "Hamburgischen Elektricitätswerke" (HEW) versuchen in einem Ausstellungspavillion dem vorbeiziehenden Radler die Vorzüge der Kernkraft schmackhaft zu machen; uns packte angesichts des Reaktors und des ungelösten Atommüllproblems großes Unbehagen und wir kehrten der Anlage so schnell es ging den Rücken. Über die Elbbrücke bei Geesthacht ging es durch verschlafene Dörfer zurück nach Lüneburg. Die "wilde Horde" war bereits da und zum großen Teil fix und fertig. Beim abendlichen "Gespräch am Lagerfeuer" drehte sich alles um Trittfrequenzen (je höher desto besser), Schaltungen, Reifen und gefahrene Durchschnittsgeschwindigkeiten. Nun erfuhren wir auch, dass Rudi und Tabea bei Km 25 die Segel gestrichen und sich von der Gruppe abgesetzt hatten. Beim Abendessen beschlossen wir vier spontan, für den nächsten Tag eine eigene, unseren Fähigkeiten entsprechende Tour auszuarbeiten.
Schnell war ein Ziel ausgemacht: Zum Hundertwasser-Bahnhof nach Uelzen sollte es gehen, und zwar schön gemächlich entlang des Elbe-Seiten-Kanals. Auch die "wilde Horde" wollte dorthin, allerdings zum Liegeradhersteller Cordes und über Berg und Tal. Am nächsten Morgen gesellte sich dann noch ein weiteres Paar zu uns: Bruno und Carmelita aus Bremen waren erst am Vorabend angekommen, hatten aber schon von der "wilden Horde" und ihren Folgen für gesetztere Semester gehört. Hatten sie ursprünglich sich der Familientour "Spargel und Elbe" anschließen wollen, so lockte nun doch der Hundertwasser-Bahnhof in Uelzen mehr. Mit ihrem Falttandem von Bike Friday, das sie im Vorjahr eigenhändig im Werk in Eugene im US-Bundesstaat Oregon in Empfang genommen hatten, und das von Maler und Bildhauer Friedensreich Hundertwasser den Uelzener Bahnhof in dem ihm eigenen typischen Stil um. den Freaks der "wilden Horde" abfällig als "Kinderfahrrad" apostrophiert wurde, etablierten wir uns nun zusammen mit ihnen sowie Rudi und Tabea als "mittlere Gruppe". "Radeln und Genießen" war die bald ausgegebene Maxime. Davon abgesehen, dass Petrus uns zweimal mit einem Guß bedachte und wir einmal Unterstand unter einer Brücke und ein anderes Mal unter dem Vordach der Lagerhalle einer Landhandlung nehmen mussten, verlief die Fahrt entlang des Kanals erwartungsgemäß entspannt. Getreu seiner Maxime: "Die gerade Linie ist gottlos" gestaltete im Jahre 1999 der 1928 als Friedrich Stowasser in Wien geborene Maler und Bildhauer Friedensreich Hundertwasser den Uelzener Bahnhof in dem ihm eigenen typischen Stil um. Das Ergebnis ist ein Bahnhofsgebäude, das weitestgehend an ein Märchenschloß erinnert und der Stadt Uelzen ein touristisches Highlight bescherte, das Besucher aus aller Welt in Scharen anlockt. Die Stadt jedenfalls schwelgt in einer Art Hundertwasser-Manie. Ein Stadtrundfahrtbus im Hundertwasser-Design und ein Kunstcafé in der Fußgängerzone, das im Hundertwasser-Stil eingerichtet ist und neben Kaffee und Kuchen auch Kunst und Kitsch feilbietet, legen hierfür Zeugnis ab. Von so viel Kunst- und Kaffeegenuß ermattet, nahmen wir für die Rückfahrt im Mehrzweckabteil der Regionalbahn Uelzen - Hamburg Platz und waren von der zuvorkommenden Behandlung durch das Zugpersonal völlig überrascht. Kein Wunder - die Linie befindet sich in privater Hand!
Der nächste Morgen brachte erneut Zuwachs: Michael aus
Düsseldorf - eigentlich strammes Mitglied der "wilden Horde" - schloß sich
seiner Freundin Astrid zuliebe, die aufgrund eines gerade überstandenen
grippalen Infektes noch nicht ganz fit war, mit ihr zusammen unserer Gruppe an.
Das Tagesziel war schnell ausgemacht: In die "richtige" Lüneburger Heide sollte
es gehen, obwohl sich alle einig waren, das diese ihren besonderen Reiz erst im
Herbst zur Zeit der Erikablüte entfaltet. Die "Oldendorfer Totenstatt" bot
erste Gelegenheit, auf dem eigens eingerichteten Rastplatz das mitgebrachte
Lunchpaket auszupacken. Bei der "Oldendorfer Totenstatt" handelt es sich um
eine Anlage mit Großsteingräbern aus der Jungsteinzeit, die in der Lüneburger
Heide meist entlang von Flüssen in Gruppen angelegt wurden. Zu den bekanntesten
gehört eben jene Anlage bei Oldendorf (Luhe), die im dritten vorchristlichen
Jahrtausend von Angehörigen der sogenannten Trichterbecherkultur geschaffen
wurde. Das größte Grab misst bei einer Höhe von ca. vier Metern in der Länge
etwa 80 m und in der Breite 25m.
Im Heidedorf Amelinghausen wartete dagegen eine ganz andere Heidespezialität
auf uns: Im Café "Tante Adele" gönnten wir uns je ein Stück Buchweizentorte,
das im Verhältnis gesehen fast an die Abmessungen der Hünengräber heranreichte.
Das Café befindet sich in einem Gebäude an der Hauptstraße, in welchem bis zu
ihrem Tod im Jahre 1979 Adele Cordes einen Gemischtwarenladen à la Tante Emma
betrieb. Wegen ihres freundlichen Wesens und ihrer Großzügigkeit war sie im
ganzen Dorf beliebt und wurde von allen nur "Tante Adele" genannt. Die Inhaber
des Cafés übernahmen nicht nur den Spitznamen von Adele Cordes, sondern haben
sich auch auf die Fahnen geschrieben und Tabea als "mittlere Gruppe". "Radeln
und Genießen" war die bald ausgegebene Maxime. Davon abgesehen, dass Petrus uns
zweimal mit einem Guß bedachte und wir einmal Unterstand unter einer Brücke und
ein anderes Mal unter dem Vordach der Lagerhalle einer Landhandlung nehmen
mussten, verlief die Fahrt entlang des Kanals erwartungsgemäß entspannt. Getreu
seiner Maxime: "Die gerade Linie ist gottlos" gestaltete im Jahre 1999 der 1928
als Friedrich Stowasser in Wien geborene Maler und Bildhauer Friedensreich
Hundertwasser den Uelzener Bahnhof in dem ihm eigenen typischen Stil um. Das
Ergebnis ist ein Bahnhofsgebäude, das weitestgehend an ein Märchenschloß
erinnert und der Stadt Uelzen ein touristisches Highlight bescherte, das
Besucher aus aller Welt in Scharen anlockt. Die Stadt jedenfalls schwelgt in
einer Art Hundertwasser-Manie. Ein Stadtrundfahrtbus im Hundertwasser-Design
und ein Kunstcafé in der Fußgängerzone, das im Hundertwasser-Stil eingerichtet
ist und neben Kaffee und Kuchen auch Kunst und Kitsch feilbietet, legen hierfür
Zeugnis ab. Von so viel Kunst- und Kaffeegenuß ermattet, nahmen wir für die
Rückfahrt im Mehrzweckabteil der Regionalbahn Uelzen - Hamburg Platz und waren
von der zuvorkommenden Behandlung durch das Zugpersonal völlig überrascht. Kein
Wunder - die Linie befindet sich in privater Hand!
Die Rückfahrt durch das leicht wellige Gelände ließ uns bei gemäßigten Temperaturen den Frühling in vollen Zügen genießen. Blühende Rapsfelder, frisch bestellte Kartoffeläcker und die austreibenden Bäume, dazu eine vorsichtig hinter Wolken hervorlugende Sonne und verkehrsarme Straßen - Radlerherz, was willst du mehr? Na, vielleicht noch das: Im winzigen Heideort Putensen war gerade der monatliche Backtag Dorfbackhaus war nach alter Väter Sitte der Gemeindebackofen mit Holz angeheizt worden und einige Dorfrauen boten nun direkt am Backhaus ihre Erzeugnisse an. Eine Gelegenheit, der wir nicht widerstehen konnten - und keine Minute zu früh! Die schätzungsweise mehr als fünfzig Brote, dazu "Klöben" (das, was bei uns "Weck" heißt) und diverse Strudel und Torten waren nämlich größtenteils bereits per Vorbestellung geordert worden. Dennoch fielen für uns ein paar "Beutestücke" ab. Zufrieden zogen wir damit ab und ließen den rundum gelungenen Radeltag in Lüneburg in der ersten Eisdiele am Platze ausklingen. Alle waren sich einig: Wenn das immer sooo entspannt zugeht, dann sind wir nächstes Jahr wieder dabei!
Erich Koprowski