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Liebe - Anarchie der Zivilisation

An dieser Stelle möchte ich ein bislang unveröffentlichtes Buch vorstellen, das ich bereits vor Jahren geschrieben habe und im Augenblick unter dem vorläufigen Titel  Liebe - Anarchie der Zivilisation  überarbeite. Es beruht auf den selben Grundgedanken wie meine Doktorarbeit und meine Vorträge (s.o.), wendet sich aber - auch sprachlich - an ein breiteres Publikum.

Vorläufiges Inhaltsverzeichnis.

Liebe - Die Anarchie der Zivilisation. (Hier stehen andere Kapitel des Buches)

Die Überarbeitung des Buches nimmt mehr Zeit in Anspruch, als ursprünglich geplant. Ich werde auf meinem Blog "Herrschaftsphilosophie" http://herrschaftsphilosophie.wordpress.com/ Fortschritte bekanntmachen. Dort beschäftigt mich das selbe Grundthema. Über Besuche freue ich mich!
Alfred Flacke

               
Abschnitt III

FRAGWÜRDIGE ZIVILISATION

Wissen wir, was wir tun?

Einige der korrekt gekleideten Teilnehmer der Besuchergruppe verzichten auf den zusätzlichen gemeinsamen Besuch des kleinen Museums in Oldoway, obwohl ein günstiges Gemeinschaftsticket den Eintritt verbilligt. Sie wollen sich stattdessen in der Zwischenzeit einen Kaffee kochen. Als sich dann später herausstellt, dass für das Ticket alle Angehörigen der Gruppe miteingerechnet worden sind, protestieren einige Kaffeetrinker lautstark, dass sie nicht für etwas bezahlen würden, was sie nicht gesehen haben.

In Oldoway sind aufsehenerregende Funde aus der Vorgeschichte gemacht worden. Vor vier Millionen Jahren war die Schlucht bereits der Aufenthalt von Vorfahren der Menschen. Hier lebten Mitglieder der Gattung Australopithecus robustus. Aber statt ehrfürchtigen Schweigens angesichts der Bedeutung des Ortes eskaliert der Streit unter den späten Nachkommen der Australopithecinen. „Sie haben Oldoway zur Kantine umfunktioniert und schreien wilde Worte“ kommentiert der Berichterstatter. „Es fehlt gerade, dass sie die Faustkeile aus den Vitrinen holen und beweisen, dass vier Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte den Kindern der Zivilisation eine hauchdünne Decke gebaut haben. Wenn sich, wie immer wieder und überall auf der Welt, das Archaische Bahn bricht, trägt sie nicht.“

Zu diesem Beweis ist es dann wohl doch nicht gekommen. Aber es ist merkwürdig genug, dass die Zivilisation solche und weit schlimmere Einbrüche des „Archaischen“ offenbar „immer wieder und überall auf der Welt“ erfährt. Die Deutung des Vorgangs wirkt aber ganz plausibel. Der gewöhnliche „Egoismus“ erscheint damit ebenso erklärbar, wie die nicht abreißenden Kriege und Bürgerkriege und die menschenverachtenden Grausamkeiten, zu denen Menschen so offensichtlich auf der ganzen Erde imstande sind. Es findet demnach üblicherweise seine letzte Ursache in der abgründigen, in ihrem Urzustand allen Mitmenschen feindlichen Natur des Menschen. Und ebenso selbstverständlich gilt, dass dieser furchtbaren Aggresionsbereitschaft nur mit Hilfe der Zivilisation beizukommen ist.

Man kann aber auch ganz andere Schlüsse ziehen und dass das in der Regel unterbleibt, sagt bereits etwas über die Natur dieses Vorgangs aus. Es ist nämlich denkbar, dass die beschworene Zivilisation selbst die Ursache dessen ist, was sie in Schach halten soll. Ich werde darauf zurückkommen. 

Diese Zivilisation hat die Menschen nicht menschlicher gemacht. Sie erweist sich im Gegenteil immer deutlicher als die eigentliche Bedrohung. Wie konnte sie sich trotzdem über eine so lange Zeit hin als Lebensform etablieren? Wie kommt es, dass alle so Zivilisierten noch immer glauben, dass die Zivilisation allen anderen Gesellschaftsformen überlegen sei und die Menschen menschlicher machte? Woran liegt es, dass zu ihrer Vorstellung von der Zivilisation das Bild eines stetigen Fortschritts bei der Zurückdrängung von angeborener Gewaltbereitschaft gehört, die man mit unreflektiertem Darwinismus so plausibel wie falsch der tierischen Vergangenheit der Menschen zuschreibt? Kann es nicht eher nachdenklich machen, dass die westliche Zivilisation heute die ganze Erde erobert und offensichtlich zugleich ihre eigenen Existenzgrundlagen zerstört? Ausgerechnet die gerühmte zivilisierte Gesellschaft ist unfähig, ihre selbsterzeugten Probleme dauerhaft zu lösen. Liegt es vielleicht doch am aggressiven Charakter der Menschen, oder an ihrem unersättlichen Egoismus? Den hatte Marx als bloßes Strukturmerkmal des Kapitalismus identifiziert, das nach seiner Auffassung mit diesem verschwinden würde. Von beider Verschwinden kann aber gar keine Rede sein und angeborene Selbstsucht gilt heute ausgerechnet in den so zivilisierten Gesellschaften als einziger Antrieb der Welt.

Die individuelle Freiheit macht die westliche Entwicklung, die deshalb ja auch „freiheitlich“ genannt wird, immerhin zu einer einmaligen Erscheinung in der Geschichte dieser zivilisierten Gesellschaften. Das ist jedenfalls der Grund, warum sie hier als besondere Form der zivilisierten Weltauffassung im Mittelpunkt der Betrachtung steht. Könnte es sein, dass das im Zuge der Aufklärung entstandene Streben nach Selbstverwirklichung und individueller Freiheit „übertrieben“ wird und den Gemeinschaftssinn der Menschen beschädigt hat, wie in der damals von Wissenschaftlern der USA ausgelösten „Kommunitaristendebatte“ behauptet wird? Hat die gleichfalls aus der Aufklärung stammende Abspaltung der „instrumentellen Vernunft“, welche die produktiven wie die zerstörerischen Kräfte überdimensional gesteigert hat, die moralische Dimension unterdrückt und so die menschliche Vernunft verkrüppelt?

Jahrhundertelang waren die abendländischen Menschen mit dem Griechen Sokrates überzeugt, dass der Mensch vernünftig ist und deshalb wissen kann, was Gut und Böse ist. Auch ihr im jüdischen Gottesglauben wurzelndes Christentum machte sie für ihr Tun verantwortlich. Wenn es sie auch grundsätzlich für sündhaft und wenig charakterfest hielt, glaubte es doch, mit Gottes Hilfe das Böse überwinden zu können. Rationalität der Antike und ein christliches Menschenbild haben das Selbstverständnis des europäisch-abendländischen Menschen bis in unser Jahrhundert hinein bestimmt. Aber wer glaubt heute noch ohne Weiteres, dass die Welt durch die abendländische Vernunft erleuchtet oder dass ihre Probleme durch das Christentum gelöst werden könnten? Der Glaube an die humanisierende Kraft der Vernunft ist zutiefst erschüttert und auch die christliche Erlösungshoffnung entspricht nicht mehr dem Lebensgefühl vieler Menschen am Beginn des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt.

In gewisser Weise war die Aufklärung ein Ausdruck des Vertrauens des Europäers auf diese Vernunft. Aber obwohl wissenschaftliche Technik, kapitalistische Marktwirtschaft und parlamentarische Demokratie, also ihre Früchte, sich über die ganze Erde ausbreiten, gilt sie selbst seit Nietzsche in wesentlichen Tendenzen als gescheitert. Das gilt nicht nur für ihre Vernunftgläubigkeit, sondern in gleicher Weise für ihren überschwenglichen Fortschrittsoptimismus, der vielleicht nichts anderes war, als die säkularisierte Gestalt der christlichen Erlösungshoffnung. Der sich – zum Beispiel mit der Gentechnik – allenthalben breitmachende Machbarkeitswahn ist längst ebenso diskreditiert, wie das Vertrauen in die Institutionen.

Liegt also alles am Menschen und seiner unveränderlich bösen Natur? Oder sind die im Recht, die feststellen, dass der Mensch von Natur aus weder gut noch schlecht ist, sondern dass erst die Umstände ihn dazu machen? Ich bin jedenfalls sicher, dass wir noch gar nicht genau genug verstehen können, was es eigentlich heißt, Mensch zu sein, was den Menschen erst zum Menschen macht, um sein Verhalten richtig zu deuten. Man könnte auch diese merkwürdige Deformation unseres Blicks auf die Wirklichkeit als eine Art „Unfähigkeit zu Trauern“ charakterisieren, die Hannah Arendt und Alexander und Margarete Mitscherlich bei den Deutschen der Nachkriegszeit feststellen, die mit ihrer Verstrickung in den Nationalsozialismus nicht fertig werden können. Sie beruht auf einer ähnlichen seelischen Verkrüppelung, welche die notwendige „Trauerarbeit“ blockiert. Der gleiche seelische Vorgang, „in dem ein Verlust mit Hilfe eines wiederholten Erinnerungsprozesses langsam ertragen wird, um ihn durchzuarbeiten und danach zu einer Wiederaufnahme lebendiger Beziehungen zu den Menschen und den Dingen fähig zu werden.“1 wird auch hier verhindert. Ob es sich dabei „um eine irgendwie absichtliche Weigerung zu trauern oder um den Ausdruck einer echten Gefühlsunfähigkeit handelt“, vermag Hannah Arend im Hinblick auf den seelischen Zustand der Nachkriegs-Deutschen nicht zu sagen. Bei der hier angesprochenen und Jahrtausende zurückreichenden Gefühlsverkrüppelung scheint es sich jedenfalls um eine „echte“ Unfähigkeit zur Erinnerung und zur „Wiederaufnahme lebendiger Beziehungen zu den Menschen und den Dingen“ zu handeln, die um so schwerer zu durchbrechen ist, weil sie seit so langer Zeit tief im Unterbewußtsein verborgen ist.

Arendt's betroffene aber zugleich distanzierte Diagnose verzichtet darauf, die Gründe dieser Haltung zu erforschen. Dagegen hoffe ich, mit den Gründen zugleich einen Weg aus der Blockade aufzeigen zu können. Der ist deshalb so schwer zu beschreiten, weil wir den Teil unserer Menschlichkeit wieder finden müssen, der uns erst helfen könnte, die Verhärtung unserer Herzen zu lösen. Wir weigern uns, diesen Verlust zuzugeben, weil wir bekennen müssten, dass auch wir selbst an der gesellschaftlich bedingten Verbiegung unseres Wesens mitgewirkt haben. Weil wir uns zuerst eingestehen müssten, dass auch unsere eigene Weigerung uns einen Teil unseres Lebens unwiderbringlich geraubt hat. Es wird also nicht ohne Anstrengung und wahrscheinlich auch nicht ohne Hilfe von Mitmenschen möglich sein, uns selbst mit unserer angeborenen und der gelernten Schwäche anzunehmen und die Wahrnehmung dieser Zerstörungen in uns zuzulassen, um so erst die Wahrnehmungsverzerrungen sichtbar zu machen. Es wird sich zeigen, ob wir zu dieser „Trauerarbeit“ fähig sind, und so zu einem ganz neuen Verständnis der Welt und des Menschen gelangen können. Dann erst können wir die Frage nach der möglichen Rettung der Welt beantworten.

Dieses über Jahrtausende hinweg eingeübte, fatal selbstherrliche Weltverständnis steckt nämlich in allen unseren Bezügen zur Wirklichkeit. Und wie wir die Welt verstehen, so handeln wir. Unser gelerntes Weltbild färbt unsere eigensten Gefühle. Und eben auch die Art, wie wir die Dinge wahrnehmen, ist nicht einfach nur angeboren, sondern auch zutiefst beeinflusst durch das Lebensgefühl, das wir im Umgang mit den Umständen, unseren Mitmenschen und uns selbst gelernt haben.

Unser Weltverständnis ist sicher meistens unbewußt wirksam. Seit Freud kennen wir die Bedeutung des Unbewußten, aber die hier von mir vertretenen Gründe lassen vermuten, dass dabei nicht einfach Mechanismen der Triebunterdrückung wirksam werden. Die Kräfte, welche unser Leben tatsächlich beeinflussen, stammen vielleicht aus der gleichen Wurzel, ihre Wirksamkeit entfaltet sich aber anscheinend in ganz anderem Umfang, als die Erkenntnisse der Psychoanalyse vermuten lassen. Selbst in der Rationalität der Wissenschaft mit der wir unsere Welt frei zu gestalten glauben, verbirgt sich eine andere Kraft, die uns selbst und alle unsere Äußerungen, ja die ganze Zivilisation bestimmt. Deren eigene immer deutlicher werdende Fragwürdigkeit hat hier ihre Wurzel.

Weil Zivilisation zugleich aufklärende und verschleiernde Kräfte entwickelt, wird sie es fördern und zugleich behindern, dass wir lernen, unsere Welt und unsere Gesellschaft mit anderen Augen zu sehen. Es sind die Selbstverständlichkeiten, die uns blind machen. Wenn die hier vorgetragenen Überlegungen richtig sind, werden wir uns deshalb angewöhnen müssen, als unumstößlich erscheinende Grundüberzeugungen und ungeprüft auf der Hand liegende Bewertungen unserer Wirklichkeit in Frage stellen zu können. Wenn es auch vielleicht zunächst so erscheinen mag, als ob die Änderungen nur gering sind, am Ende wird, was wir heute noch als wahr ansehen, morgen keineswegs mehr so sicher erscheinen. Dann wird aber auch deutlich werden, dass es eine vielleicht sehr geringe, aber reale Chance gibt, den Kurs zu wenden und den Menschen auf dieser Erde eine Zukunft zu eröffnen.

Ich habe dazu weiter oben eine Rückbesinnung auf die Lehre Jesu vorgeschlagen. Wenn ein Philosoph, wie Günter Rohrmoser, in unseren Tagen als Heilmittel für die „Krise des Liberalismus“ die Rückbesinnung auf die Werte der „christlichen Nächstenliebe und Barmherzigkeit“ fordert2, scheint es in die gleiche Richtung zu gehen. Aber wo er die Wiederkehr von Autorität und Ordnung gegen die emanzipatorische Kraft des liberalen Geistes wünscht, erhoffe ich im Gegenteil, dass das Individuum endlich wirklich befreit wird. Dazu muss sich das eigentlich unvereinbare verbinden: eine von wirklich freien Individuen getragene Demokratie und eine jede Konkurrenz ausschließende Solidarität. Vielleicht wird der Widerspruch erträglicher, wenn ich hinzufüge, dass vermutlich beide - Demokratie und Solidarität - durch diese Verbindung eine andere Gestalt erhalten werden. Aber damit sind Missverständnisse noch nicht beseitigt.

Fragwürdigkeiten der Zivilisation

Eigentlich ist es verwunderlich, dass das Leben in westlichen Ländern noch weithin normal zu verlaufen erscheint. Aber tut es das wirklich? Und was heißt hier eigentlich normal? Im Zusammenhang mit einzelnen Erscheinungen heutiger Zivilisation wird auch in den folgenden Kapiteln deutlich werden, dass Symptome des „normalen Lebens“ ein gemeinsames Muster aufweisen, das auf einen grundsätzlichen Mangel schließen läßt.

Die weltweite Zivilisationskrise ist nur ein Aspekt der Verschärfung der Situation. Wer gehofft hatte, dass die Drohung des gemeinsamen Untergangs die Chance der solidarischen Bewährung der Menschen des Planeten mit sich gebracht hatte, sieht den Weltmarkt mehr und mehr zu einem Schlachtfeld aller gegen alle werden. Aber das alles ist kein Zeichen der endgültigen Schwächung der herrschaftlichen Zivilisation. Sie selbst schickt sich an, ihr altes Programm der Weltveränderung durch deren grundsätzliche Verhinderung auf die Spitze zu treiben. Das wird sie allerdings nicht überleben, jedenfalls nicht, ohne selbst bis in die Wurzel verändert zu werden. Schon erscheint es als lächerlich, einer Gesellschaft sich selbst darstellender Individualisten von Solidarität zu reden. Ist nicht die sich darauf berufende politische Utopie gescheitert? Eine neue Welt entsteht offenbar nicht aus der Projektion einer isolierten Zukunft. Die „andere“ Gesellschaft, wenn es sie denn gibt, liegt nicht nur jenseits unserer Wirklichkeit.

Nach dem Untergang des pseudosolidarischen staatskapitalistischen Sozialismus feiert der individualistische Neoliberalismus seit den neunziger Jahren sein vorläufiges Überleben als „Sieg“ der „freiheitlichen Gesellschaftsordnung“. Das verleitet viele, nun von dieser die endgültige Beherrschung der unübersehbaren Probleme zu erhoffen. Aber nicht, dass der Untergang des real existierenden Sozialismus die kapitalistische Marktwirtschaft am Ende des zweiten Jahrtausends abendländischer Zeitrechnung weltweit scheinbar endgültig triumphieren läßt, signalisiert „das Ende der Geschichte“ (Fukuyama, Sommer 1989). Dass sich mit ihr „Freiheit“ und „Demokratie“ über die ganze Erde ausbreiten, schafft aber eine wichtige Voraussetzung dafür, die blutige Geschichte der Herrschaft ihrem Ende zuführen zu können. Dass auf diese Weise die Staatsform sich durchsetzt, welche jeden Menschen als autonomes Individuum respektiert, scheint der notwendigen Solidarität endgültig alle Entfaltungsmöglichkeit zu nehmen. Aber gerade daraus erwächst ihre erste wirkliche Chance seit Beginn der Zivilisation. Das könnte der Beginn einer neuen Geschichte einer neuen Freiheit sein. ...

1 MITSCHERLICH, Alexander und Margarete, Die Unfähigkeit zu trauern, Suhrkamp, 1967 / ARENDT, Hannah, Die Nachwirkungen des Nazi-Regimes, aus Deutschland 1950, Zur Zeit, Politische Essays, Rotbuch-Verlag, Berlin, 1986

2 ROHRMOSER, Der Ernstfall.